Kaum eine Debatte um Inklusion kommt ohne das Wort Kostenexplosion aus. Aber was ist daran belegt? Für unsere Studie zur Schulbegleitung in NRW haben wir alle verfügbaren Ausgabenzahlen zusammengetragen. Das Ergebnis: Der Anstieg ist real und steil. Die einfachen Erklärungen dafür tragen trotzdem nicht.
Was gemessen ist
Die öffentlichen Ausgaben für Hilfen nach Paragraf 35a SGB VIII in NRW stiegen von 78 Millionen Euro (2006) über 225 Millionen (2014) auf 793 Millionen Euro im Jahr 2024. Das ist ein Plus von 917 Prozent in 18 Jahren, allein im letzten Jahr plus 21,3 Prozent. Wichtig: Diese Zeile umfasst alle 35a-Hilfen, nicht nur Schulbegleitung. Dazu kommt der zweite Topf: Die SGB-IX-Ausgaben für Teilhabe an Bildung lagen 2024 bei 671 Millionen Euro und 2025 bei 753 Millionen. Wer beide Töpfe addiert und "Schulbegleitung" darüber schreibt, zählt allerdings zu viel; wie sich die Töpfe genau abgrenzen, erklärt Kapitel 3 der Studie.
Die Kommunen spüren es zuerst. Köln meldet für die Jugendhilfe-Schulbegleitung ein Plus von 555 Prozent in zehn Jahren, von rund 9 auf mehr als 59 Millionen Euro. In Bochum trägt Schulbegleitung 85,7 Prozent der Kosten der gesamten ambulanten Eingliederungshilfe. Und die Gemeindeprüfungsanstalt NRW hat über alle Jugendämter gemessen: In kreisfreien Städten kostete ein Fall Integrationshilfe zuletzt im Median 27.811 Euro pro Jahr.
Der übersehene zweite Treiber
Der interessanteste Befund steckt in den Bochumer Zahlen: Die Kosten stiegen dort um 41,6 Prozent, die Fallzahlen aber nur um 7,2 Prozent. Der Rest kam über die Entgelte, die um rund 20 Prozent stiegen, durch Tarifabschlüsse und Sachkosten. Kosten wachsen also auch dann, wenn kaum mehr Kinder dazukommen. Wer in der Debatte nur Fälle zählt, unterschätzt den Druck. Wer nur Euros zählt, weiß nicht, ob mehr Kinder Hilfe brauchen oder dieselbe Hilfe teurer wird.
Was die Zahlen nicht hergeben
Die einfache Geschichte "wegen der Inklusion explodieren die Kosten" trägt so nicht. Die Fallzahlen steigen nämlich auch an Förderschulen deutlich. Eine saubere Zerlegung der Ursachen, mehr Diagnosen, mehr Rechtskenntnis der Eltern, Schule als Ausfallbürge, tatsächlich mehr Bedarf, gibt es nicht. Selbst das Statistische Bundesamt formuliert nur vorsichtig, Schulbegleitung "dürfte" eine Ursache des Anstiegs sein.
Und für Familien wichtig: Von diesen Kosten tragen Eltern in der Regel nichts. Die ambulante Schulbegleitung ist beitragsfrei, bezahlt wird sie vom Jugendamt oder Sozialamt. Wer zahlt was, steht kompakt in unserem FAQ zu den Kosten.
Alle Zahlenreihen mit Quellen, die kommunalen Kostenpfade und die 14 Datenlücken der Debatte: Studie Schulbegleitung NRW 2026, kostenlos als PDF.
